Hoffnungsträger in der Sauna

Unterwegs mit dem Hammer Forum: Theophylaktos Emmanouilidis untersucht und operiert zurzeit Kinder im Kongo. NW-Redakteur Meiko Haselhorst ist dabei.

Bünde/Kikwit. Dr. Emma schwitzt. In der saunagleichen kongolesischen Provinzluft rinnt ihm der Schweiß über Gesicht und Körper. Der Bünder Arzt sieht aus, als hätte er soeben zwölf Stunden am Stück operiert. Doch Feierabend ist noch weit entfernt. 7.30 Uhr am Morgen ist es, der komplette Arbeitstag liegt noch vor ihm. Und was für einer. „Allez“, ruft der 78-Jährige mit der Energie, die sich manch ein 18-Jähriger wünscht. „Los geht’s.“

Seit 2003 kommt Theophylaktos Emmanouilidis im Namen der Ärzteorganisation Hammer Forum mehrmals jährlich in den Kongo und operiert Kinder (die NW berichtet regelmäßig). Dreimal hat er sich in diesem bitterarmen, kriegszerrütteten und in jeglicher Hinsicht chaotischen Land schon die berüchtigte Malaria eingefangen – nichts, was ihn aufhalten könnte. Im Gegenteil: Die 2008 vom Forum ins Leben gerufene Kinderambulanz im Krankenhaus der Provinzstadt Kikwit läuft – für afrikanische Verhältnisse – wie am Schnürchen.

Wenn Dr. Emma kommt, verbreitet sich diese Nachricht schon in den Tagen und Wochen davor wie ein Lauffeuer in der ganzen Region. Und wenn er dann seinen ersten Arbeitstag hat, haben die Menschen mitunter schon einige Tage und Nächte vor dem Krankenhaus campiert. Das ist auch diesmal so. Vor dem winzigen Untersuchungszimmer stehen und sitzen an diesem frühen Morgen gut und gerne 120 Eltern mit ihren Kindern und wedeln sich Luft ins Gesicht. Alle wollen von dem „berühmten Doktor aus Deutschland“ untersucht und gegebenenfalls auch operiert werden.

In der zwei mal drei Meter großen Untersuchungsecke – nur durch einen Vorhang vom ebenso engen Flur getrennt – drängen sich in stickiger Atmosphäre Eltern, Kinder, Dr. Emma und einige einheimische Berufskollegen, die ihm wissbegierig über die Schulter schauen. Eine kleine Holzfläche dient gleichzeitig als Schreibtisch und Behandlungsliege. Durchs geöffnete Fenster schaut die wartende Menge neugierig in den Raum hinein.

„Bon jour“, begrüßt Dr. Emma kleine und große Patienten per Handschlag. Manchen streichelt er auch über Kopf und Wange. Die meisten Kinder haben an diesem Morgen vergleichsweise harmlose Gebrechen – die sich bei falscher Behandlung aber zu großen Problemen auswachsen können. „Viele gehen erst zum traditionellen Medizinmann, bevor sie hierher kommen“, erklärt Emmanouilidis das Problem und schüttelt mit dem Kopf.

Ein kleiner und stark abgemagerter Junge besteht mittlerweile „zu einem Drittel seines Körpergewichts aus Tumor“, sagt Dr. Emma. „Ich weiß nicht, ob ich ihm noch helfen kann.“ Der Bünder schaut auf das kleine Häufchen Elend mit dem viel zu großen Bauch, das da vor ihm auf der Liege liegt, sich krümmt und weint. Versuchen wird er’s, versprechen will er nichts.

Dem kleinen Mädchen mit dem Nabelbruch, oder auch dem Säugling, der an Fuß und Hand jeweils sechs Zehen und Finger hat, wird er auf jeden Fall helfen können. „So was kommt hier gar nicht so selten vor – ist aber ziemlich harmlos“, sagt der ehemalige Chefarzt des Lukaskrankenhauses in Bünde und macht dabei einen fast schon amüsierten Eindruck. „Operiert wird aber erst morgen, heute muss ich noch zu viele Leute untersuchen“, sagt Emmanouilidis gegen Mittag und schaut auf die unvermindert große Menge an Menschen vor seinem Fenster. Morgen früh wird er hier wieder stehen und „los geht’s“ rufen. Schweißüberströmt, aber voller Tatendrang.