Berichte

DR Kongo: Operieren mit Batterielampe

Wir waren vom 30. September bis zum 16.Oktober 2015 in Kikwit.

Die reine Flugzeit Hannover-Brüssel-Kinshasa DR. Kongo betrug 9:30 Stunden. Wegen der Sitzung in Hamm am Vorabend konnte ich nur drei Stunden schlafen. Deshalb hoffte ich, auf dem Flug Brüssel-Kinshasa etwas Ruhe zu finden. Zu meinem Pech saßen in der Nähe zwei Frauen nebeneinander, die die ganzen Zeit ohne Pause laut sprachen und wiederholt viel und laut lachten. Nicht nur ich, sondern auch die anderen Passagieren waren etwas genervt.
Bei der Ankunft im internationalen Flughafen in Kinshasa fiel auf, dass das neu gebaute Flughafengebäude hell und großzügig ist. Erstaunlich reibungslos gingen die Abfertigung sowie die  Registrierung an der Pass- und Impfpasskontrolle von statten. Die auch jetzt nur wenigen Kofferträger verhielten sich sehr diszipliniert. Der Zoll machte nur Stichkontrollen. Ich konnte mit meinem Gepäck frei passieren. Und das ist das erste Mal im Kongo, dass ich, ohne den Koffer aufzumachen, passieren konnte.
Sobald man aber das Flughafengelände verlässt, begegnet man überall dem chaotischen kongolesischen Fahr- und Lebensstil. Die wenigen asphaltierten Straßen sind voll von sehr vielen alten verrosteten Autos, manche ohne Licht. 
Père Paul holte mich in Kinshasa ab. Am nächsten Morgen flog ich vom nationalem Flughafen weiter nach Kikwit. In diesem kleinen Flughafen hat sich nichts geändert, Schikanen, Korruption wie sonst. Die Beamten versuchen immer wieder, vor allem von Weißen, einige Dollars zu ergattern. Der Polizeichef nahm meinen Pass und wollte meine Einladung sehen. Ich gab ihm nicht nur die Einladung, die vom Hospital und dem Bürgermeister unterschrieben ist, sondern auch unser Zertifikat vom Planungsministerium. Er zögerte, sah beide Papiere länger an, dann sagte zu Père Paul, der mich begleitete, er bräuchte von diesen beiden einen Kopie. Père Paul sagte ihm, er solle dann eine machen,. Antwort: nein er könne nicht kopieren, wir sollten die Kopien besorgen. Da dort im kleinen Flughafen keine Kopien gemacht werden können, musste der Chauffeur von Père Paul in die Stadt fahren, um die Papiere zu kopieren. Erst dann bekam ich meinen Pass und ging weiter zu den weiteren Kontrollen (Impfausweis, Zoll usw.).  In Kikwit landete ich um 9:45 Uhr, nach kurzer erneuter Registrierung und Kontrolle des Passes und des Impfausweises wurde ich von S. Doris abgeholt. Wir fuhren direkt zum Haus. Mein Koffer war zu mehr als der Hälfte mit Verbrauchsmaterial gefüllt. Ich nahm das Material mit und wir fuhren gleich zum Hospital. Dort warteten bereits über 100 von Schwester Doris registrierteKinder , die ich untersuchen sollte (Foto 1).  Ultraschalluntersuchung (Foto 1a). 

 

Ich schaffte an dem ersten Tag, 70 Kinder zu untersuchen. Die übrigen Kinder mussten leider nach Hause gehen und am nächsten Tag wieder kommen. S. Doris hat, wie immer, auch diesmal alles perfekt organisiert. Neben S. Doris sorgten auch S. Lena (macht dort ein 6 mehrmonatiges Praktikum) und S. Daniela (schreibt ihre Masterdarbeit über „unsere“ Milchkinder) für die reibungslose Abläufe in der HFO-Ambulanz. So konnte ich in zwölf Arbeitstagen 374 Kinder untersuchen und davon 130 operieren. Selbst im Wohnhaus sorgten die drei auch für unser gesamtes, aber auch für mein Wohlergehen. Ich brauchte mich um Einkäufe oder das Essen nicht zu kümmern.Bereits in den ersten Tagen registrierte ich viele Kinder für mein OP-Programm.  

Operationen
Vor ca. drei Monaten war ein neuer Direktor eingestellt worden, den ich gut kannte. Im Vergleich zu den letzten drei Einsätzen war ich nun sehr angenehm überrascht, wie der neue Direktor innerhalb von drei Monaten vieles geändert und organisiert hat. Er sorgte für bessere hygienische Verhältnisse im OP-Trakt. Es werden täglich Visiten auf den Stationen gemacht. Das Hospital ist jetzt viel besser belegt. Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass das Personal zufriedener ist und etwas motivierter. Im Op-Trakt gibt es aber weiterhin keinen Strom und kein Wasser.  

Die Instrumente werden weiterhin auf einer kleinen brennenden Kohle sterilisiert (Foto 2).

                                                                    In den OP-Saal gebracht

Nach der gut verlaufenen Operation mit der glücklichen Mutter

Ich operierte auch diesmal mit einer Batterielampe. Viele Leute warten vor dem OP-Saal.    

Täglich  wurden drei Ärzte eingeteilt, mit mir zu operieren. Von den insgesamt 16 Kollegen waren nur zwei etwas erfahrener. Die übrigen waren junge Ärzte, die vor ein paar Monaten oder Wochen ihr Staatsexamen abgelegt haben. Die jungen Kollegen sagten, „es gibt inzwischen viele Privatuniversitäten, die unkontrolliert viele unqualifizierte Ärzte ausbilden. Sie haben mangelhafte bis keine anatomischen, physiologischen und pharmakologischen Kenntnisse“. 
Keiner dieser jungen Ärzte war während des Studiums in einem OP-Saal gewesen.. Die meisten haben nie einen Nadelhalter oder irgendein Instrument in der Hand gehabt. Sie waren sehr nervös und trauten sich nicht, Fragen zu stellen. Das merkte ich und begann gleich bei jeder Operation, nicht nur die anatomischen Strukturen, sondern auch alle Schritte zu erklären. Ich zeigte ihnen die verschiedenen Nahttechniken. Ich hielt viele kurze Vorträge über Indikationen, Kontraindikationen, OP-Techniken, Schmerztherapie, Verbände, Wundheilungsstörungen, Gipsanlegen usw. Alle mussten und durften einige Nähte anlegen und so lernten sie ein bisschen mit den Instrumenten umzugehen.
Als ich an einem Tag auf einer Station eine 16-jährige Patientin mit diabetischer Fussgangrän besuchte, machte gerade der Stationsarzt Visite. Wir führten einen Schnelltest durch. Das Mädchen war fast komatös, ihr Blutzucker war auf 363 mg/dl gestiegen, obwohl sie den ganzen Tag nichts gegessen hatte.  Ich fragte ihn, weshalb das Mädchen kein Langzeitinsulin bekommt. Seine Antwort lapidar „sie haben kein Geld, wir können nichts tun“ und zuckte die Schultern. Wir haben uns darum gekümmert, Insulin spritzen lassen und das Mädchen Milch trinken lassen. Sie aß am Abend etwas, am nächsten Tag war das Mädchen wacher und saß bereits auf der Bettkante. 
Zur Zeit regnet es viel in Kikwit, die Luft im OP-Saal war unerträglich schlecht, deshalb musste ich nach jeder zweiten Operation kurz vor die Tür gehen,, um etwas frische Luft zu holen. Im OP-Saal hielten sich viele Menschen auf, der Saal war sehr warm, die Luft schlecht. Wir schwitzten, die Luftfeuchtigkeit draußen betrug im Durchschnitt über 70 Prozent und im OP-Saal sicher deutlich höher.
Notfälle
Dieses kleine Mädchen wurde nach einem Verkehrsunfall gebracht. Ich sah es zufällig im anderen OP-Saal schreiend , ging gleich hinein, nahm es in meine Obhut, ordnete Kurznarkose an, reponierte den Knochenbruch und schiente das Bein (Fotos 4+4a).

 

An einem anderen Tag nachmittags kamen zwei Kinder, neun und zehn Jahre alt (Fotos ), in einem schlechten Zustand nach Darmperforation bei Typhus zum Hospital. Beide Kinder sollten erst am nächsten oder übernächsten Tag operiert werden. Die Eltern kamen zu mir. Ich übernahm auch diese Kinder und ordnete Notfalloperationen an. Ich operierte beide Kinder. Wir versorgten sie auch selbst auf den Stationen.

Praktizierende Überzeugung
Kommunikatives Arbeiten wirkt Beispiel gebend, so kann man das einheimische Personal  überzeugen, an dem von uns praktizierten Handeln teilzunehmen - dies als Herausforderung anzusehen und aktiv mitzuarbeiten, zu helfen. Das ist mir gelungen. Viele Kollegen bedankten sich sehr bei mir, sie sagten „merci“ für das, was sie gezeigt bekommen, was sie gesehen und gelernt haben. Das hat mich sehr gefreut.  

Milchkinder
Während der zwölf Arbeitstage wurde von den 374 Kindern, die zu normalen Untersuchung kamen, 26 neue unterernährte Kinder herausgefischt und in unser „Milchprogramm“ aufgenommen. Deren Eltern haben nicht gemerkt, dass die Kinder unterernährt sind. Einige davon waren sogar in einem fortgeschrittenem Stadium mit Ödemen und Hungerbauch. Deshalb haben wir an einem Abend den zuständigen Kollegen zu einem Gespräch gebeten. Wir wollten mit ihm zusammen Strategien entwickeln, um noch mehr unterernährte Kinder in Kikwit und Umgebung zu finden.Laut FAO leben  in der DR Kongo (Foto 5) die  meisten unterernährten Menschen der Welt,  bis zu 70 Prozent der Bevölkerung.

Das Waisenhaus
Bei jedem Einsatz besuche ich auch das Waisenhaus von S. Albertine, das ca. zehn Kilometer entfernt liegt. Dort sind auch einige „unserer“ Milchkinder untergebracht. Wir informierten uns über den Zustand der Kinder. S. Albertine erzählte uns, dass vor zwei Tagen ein acht Monate alter Säugling zu ihr gebracht wurde. Auch dieses Kind findet bei ihr Liebe und Geborgenheit.

 

Zusammenfassung

Auch diesmal, wie bei allen Einsätzen, wo S. Doris als Projektleiterin wirkt, ist alles im Voraus perfekt geplant und organisiert. Ich brauchte mich um viele Dinge nicht zu kümmern, sondern mich nur auf meine eigentliche Arbeit zu konzentrieren. Die 14 Tage in Kikwit sind im Fluge vergangen und ich konnte sehr zufrieden meine Rückreise antreten.

Danke an S. Doris, S. Lena und S. Daniela auch für Eure Fürsorge und Gesellschaft.