Berichte

Einsatz im Jemen 03. - 17.01.2015

Wie immer warnten Arbeitgeber, Kollegen, Freunde und die Familie vor dem Einsatz. Noch zwei Tage vor dem Abflug sagten Mitstreiter ihre Teilnahme auf Grund der Gefahren im Jemen ab. Wie sollte ich mich entscheiden? Ohne großes Zögern sagte ich endgültig zu. Die Kinder brauchen uns und im September ist das HAMMER FORUM schon nicht in Taizz gewesen. Außerdem vertraue ich dann auch der Aussage von unserem Dr. Ali, Mitarbeiter im Jemen, sowie unserem Projektleiter, die uns beide sicher nicht unnötig gefährden würden.

So wurde ich am 3. Januar von Willi, einem ehrenamtlichen Fahrer, abgeholt und zum Flughafen Frankfurt gebracht. Neun Teilnehmer kannten sich schon, die anderen hatten ihren ersten Jemenaufenthalt vor sich.

Für mich tauchten die ersten Probleme schon in Frankfurt auf. Leider hatte Dr. Ali mein Ticket nur auf meinen Vornamen gebucht, in der Annahme „Klaudia-Jemen“ reicht schon. Der Mann an der Passkontrolle war etwas verwundert, zumal ich auch noch ein Kind an der Hand hatte. "Wo sind denn Ihre Papiere? Haben sie eine Vollmacht für das Kind? Warum hat das Ticket keinen vollen Namen?"

 

 

 

Fragen über Fragen. Da halfen nur noch ein unschuldiger Blick und ein bisschen Charme, ein Seufzer des Kontrolleurs und wir durften passieren. Der Flug nach Sanaa war sehr angenehm, da der Flieger nicht voll belegt war und wir so reichlich Platz zum Schlafen hatten. In Sanaa angekommen fuhren wir sofort zum Hotel. Dr. Ali hatte eines in Flughafennähe ausgesucht. Das Hotel sollte ganz neu sein. Ja, zu neu. Es stellte sich als Baustelle heraus. Für die „Ersttäter“ war das ein mittelprächtiger Schock. Im Zimmer standen noch Eimer mit Mörtel, nichts war geputzt, es gab keine Bettwäsche oder dergleichen. Und in der halben Nacht wurde fleißig gehämmert und gebohrt. Entsprechend "fit" war die Mannschaft am kommenden Tag beim Frühstück. Ich habe alle auf unsere First-Class-Zimmer in Taizz verwiesen, was nur müdes Lächeln hervorlockte.

In Taizz erwartete uns der übliche, freundliche Empfang durch die Jemeniten und unter dem Lärm des Martinshorns ging es zum Krankenhaus. Sofort musste ich enttäuscht feststellen, dass es die beliebte Metalltreppe, die von außen in die erste Etage führte, nicht mehr gab: unser Sonnenplätzchen in der Mittagspause. Aber sie war sehr baufällig und ist deshalb wohl verschwunden.

Dafür kann man jetzt direkt über die neue Treppe zum OP gelangen. Man muss das Haus nicht mehr verlassen. Nach Putzaktionen mit dem „General“, einer Pause und dem Mittagessen bewegten wir uns in den OP-Saal. Für mich war es wie immer, aber einige Neuen traf der Schlag: Überall Dreck! Da wir mit mir zwei ältere „Hausfrauen“ dabei hatten, wurde alles, sogar die Wandfliesen abgewaschen. Die hatten vermutlich zuvor noch nie Kontakt mit einem Putzlappen!

 

In der kommenden Woche erwies es sich als sehr glücklich, dass wir die zwei Handwerker Nico und Gerd dabei hatten. Täglich gab es etwas zu reparieren. Mein Boiler platzte, ein Wasserschlauch folgte, die Toilettenspülung tröpfelte, der Wasserdruck in den Duschen war mäßig… selbst ein Boiler mit kochend heißem Wasser platzte, so dass die Kollegin ihr Zimmer in eine Dampfsauna umfunktionieren konnte. Bei so vielen „Wasserspielen“ litt der Schrubber unter dem häufigen Einsatz und brach in der Mitte durch.

Im OP hatten wir reichlich zu tun. Es waren nicht nur kleine Eingriffe, sondern in allen Sparten viele große Operationen. Wir sahen leider auch Kinder, die von jemenitischen Chirurgen voroperiert waren und nicht geheilt, sondern eher verstümmelt wurden. Nun sollten wir das alles richten, was nicht immer leicht war.

So kamen wir selten bei Tageslicht aus dem OP. Nach dem Programm mussten wir alles neu sterilisieren und für den nächsten Tag vorbereiten. Die Ärzte gingen zum Screening in die Ambulanzen und kamen selten vor 21 Uhr zum Abendessen. Die Kondition der zumeist älteren Chirurgen war schon zu bewundern. Angesichts der großen Not und dem Elend, das sich ihnen täglich zeigte, hielten sie durch. Ihre Hilfe wurde mehr als dringend gebraucht.

 

Saif, unser Koch, gab sein Bestes, um uns kulinarisch zu verwöhnen. Das Buffet war reichhaltig und stets gab es viel Obst. Um uns pünktlich zu den Mahlzeiten zu locken, hat er jetzt eine Klingel, die Ähnlichkeit mit einer Schulglocke hat. Am letzten Abend hat eine jemenitische Augenärztin aus lauter Dankbarkeit für uns gekocht. Highlight  war auch Nicos Kuchen: handgerührt und mit Liebe zubereitet.

Am Freitag durften wir nach längeren Überlegungen tatsächlich einen Ausflug zum Mount Saber wagen, natürlich mit reichlich militärischer Begleitung. Zurück sind wir bei herrlichem Sonnenschein ca. eineinhalb Stunden gelaufen. Der Bus war in Reichweite und die Milizen gaben ihr Bestes, um mit uns Schritt zu halten. Dabei sangen dann Nico und Gerd fröhliche Wanderlieder und man meinte, sich auf einem Kegelausflug zu befinden. Bei sehr guter Stimmung endete unser einziger freier Tag dann mit dem Besuch der Kairo-Burg in Taizz.

 

 

 

Mich erschüttert immer wieder die große Not der Menschen, gerade der Ärmsten. Erschreckt ist man dabei auch über die Geldgier einiger zweifelhafter jemenitischer Ärzte, die die Unwissenheit und Armut schamlos ausnützen. So werden sinnlose Untersuchungen angeordnet, die nichts bringen, außer Geld. Für Nichts und wieder Nichts sammeln ganze Sippen Geld und verschulden sich. Das macht wütend und traurig.

Ebenso die Chancenlosigkeit der Jugend. Ist jemand noch so intelligent, er hat kaum die Aussicht sein Land zu verlassen und anderswo sein Glück zu versuchen. Das mag auch ein Grund sein, warum sich der eine oder andere ohne Perspektive extremistischen Gruppen zuwendet.

Nach einer Woche verkündete Dr. Ali uns die Hiobsbotschaft, dass die ägyptischen Piloten der Linie „Taizz-Sanaa“ streikten und wir wohl den Landweg mit dem Bus zurück in die 300km entfernte Hauptstadt nehmen müssten. Nichts gegen eine Sightseeing-Tour – der Jemen ist wunderschön – aber angesichts der Sicherheitslage hatte nicht nur Theo ein komisches Gefühl. Dr. Ali beruhigte uns, er würde alles organisieren, für Geleitschutz sorgen und einen bequemen Reisebus bereitstellen.

Nach einer Damenparty mit Dr. Ali bei Hennamalereien und Mitternachtsbauchtanz war der letzte Morgen in Taizz nach anstrengenden, arbeitsreichen Tagen gekommen. Alle Damen hatten zum Abschied vom Gouvernement und der Krankenhausleitung eine üppige Geschenktüte bekommen, mit Schmuck, Tüchern, Cremes und nicht zuletzt orientalischen Pluderhosen, die am letzten Abend vorgeführt wurden. Sah schon neckisch aus, zumal sie in kräftigen Farben waren.

Um 10:30 Uhr, nach nicht endenden wollenden Abschiedsszenen, saßen dann alle in einem wirklich sehr bequemen Bus. Mit Gehupe und lauten Signalgeräuschen ging es an den Stadtrand von Taizz. Ein im Weg stehender Wassertankwagen wurde einfach von einem Soldaten beiseite gefahren.

Und so ging es mit ständiger Begleitung von Militär – sogar Soldaten zu Fuß in jedem Ort – bis zur Stadt Ibb. Kurz hinter dieser Stadt sollte uns ein anderer Konvoi begleiten. Er kam aber nicht. Außerdem waren wir etwas zu früh. Es wurde zwischen Dr. Ali und den Milizen hin und her debattiert und schließlich fuhren wir ohne Begleitung weiter. Nach einigen Kilometern kamen wir an eine Kontrolle. Hier sollte das regierungslose Gebiet der Rebellen, der schiitischen Al-Huhti, beginnen.

Man sah sofort die grünen Fahnen wehen. Der Bus hielt an, einige der Freischärler stiegen ein, um uns zu begutachten. Sie sahen schon furchterregend aus. Wer seid ihr, Freund oder Feind? Das war für mich unmöglich zu entscheiden. Dr. Ali schien die Situation unter Kontrolle zu haben. Nach viel Palaver von Dr. Ali und dem Busfahrer durften wir endlich unbeschadet weiterfahren.

Plötzlich hielt der Busfahrer wieder an. Was nun? Der Fahrer fühlte sich müde und kaufte sich erst einmal eine Tüte Quat. Nicht nur Theo war entsetzt. Sollte das nun die Konzentration erhöhen oder seine dynamische Fahrweise verstärken? Nach einigen Minuten saß er vergnügt am Steuer, amüsierte sich über unser Entsetzen, bot die grünen Blätter in alle Richtungen an und ließ dabei auch schon mal das Lenkrad los.

Aber auch die schönste Busfahrt hat ein Ende und wir erreichten ziemlich erschöpft Dr. Alis trautes Heim in Sanaa. Diverse Frauen seiner Familie hatten uns ein traumhaftes Mahl zubereitet. Alle Köstlichkeiten waren aufgeboten und wir saßen gemütlich auf dem Boden und stärkten uns.

Leider durften wir aus Sicherheitsgründen nicht in den Souk – und so kam der Souk zu uns. Dr. Ali hatte den Tuchhändler eingeladen und im Handumdrehen war die gute Stube in einen Wühltisch verwandelt. Die weibliche Welt stürzte sich ins Einkaufsparadies, belächelt von den Herren, die regungslos auf ihren Kissen sitzenblieben.

Nun war immer noch reichlich Zeit bis zum Abflug. Aber es wurde nicht langweilig. Nico stimmte ein griechisches Lied an… und es folgten weitere Songs. Teils Volkslieder, teils Schlager… alles dabei, manchmal kannte man nur die erste Strophe. Es mündete dann in dem Lied „ Theo, wir fahren nach Hamm“, was alle mehr als laut anstimmten. Aber dann ging es doch zum Flughafen, nicht ohne an der wunderschönen großen Moschee von Sanaa vorbeizufahren, die im Nachthimmel leuchtete.

Der Rückflug war eine Herausforderung. Nicht nur, dass alle möglichen Passagiere und auch Stewards ein medizinisches Problem hatten, nein… die Klimaanlage arbeitete nicht. Bei der Hitze war an Schlaf kaum zu denken. Es war eng, zu warm und auch laut.

Als Entschädigung für diese Strapazen überraschte uns Sabine Huwe in Frankfurt dann mit einem noblen Sektfrühstück. So gestärkt startete für alle der Heimweg. Nach ausgiebigem Verabschieden beschlossen wir, uns alle wiederzusehen, auf alle Fälle im Januar 2016! Inschallah!

Bielefeld, 21. Januar 2015