Berichte

Guinea: Fast alle int. Organisationen haben das Land verlassen

Zuletzt war ich vor 18 Monaten in Guinea. Zu dieser Zeit, gerade am Ende der Projektreise, war klar, dass Ebola die bereits seit einigen Monaten „unbekannte“ Krankheit mit zahlreichen Todesfällen, der erste vermutlich bereits im Dezember 2013 in Guéckédou, war. Die Zeit bis zu diesem Projektbesuch war geprägt von großer Sorge um die engagierten lokalen Kolleginnen und Kollegen vor Ort, es waren bis zu 80 Menschen für das HAMMER FORUM in der Präfektur Guéckédou aktiv, um die Gesundheit von Kindern zu schützen. Glücklicherweise, und nicht zuletzt aufgrund guter Weiterbildung, ist kein Teammitglied an Ebola erkrankt! Gemeinsam haben wir seitdem und schon früh, als eine der ersten Organisationen vor Ort, viel bewegt und große Herausforderungen gemeistert: Mehr als 80.000 Menschen konnten seitdem mit seuchenpräventiven Maßnahmen erreicht werden! Und trotz der Epidemie wurden in den zwölf Monaten des Jahres 2014 durch unsere Projekte 4.000 Kinder sicher zur Welt gebracht, mehr als 11.000 Kleinkinder, 16.000 Schulkinder und 8.000 Schwangere medizinisch versorgt, 20.000 Schwangerschaften begleitet sowie mehr als 50.000 Familien zu Kinder-Mütter-Gesundheit sensibilisiert. Zudem nahmen circa 25.000 Schulkinder an Unterricht zu Prävention und Gesundheitspromotion teil! Die Zahlen zeigen, dass die Projekte in die Breite wirkende Programme sind, doch bedeuten sie auch immer Hilfe für jedes einzelne Kind, für jede einzelne schwangere oder gebärende Frau, die hier versorgt wurden oder sich vor Krankheit schützen konnten.

 

Nun bin ich wieder auf dem Weg nach Guinea – mit vielen Gefühlen zur gleichen Zeit. Dabei überwiegt die Spannung auf die aktuelle Situation: Was wird sich geändert haben? Was wird mich erwarten? Die kommen die Projekte voran und können wir sie fortsetzen?
Die Wahrscheinlichkeit einer Ebolavirusinfektion ist gering, es gibt in Guinea aktuell wenige Fälle pro Woche, zwei bekannte Infektionsketten und einigen tausend Menschen unter Beobachtung. Soweit die offizielle Darstellung, die einerseits von Interessen gleitet ist und andererseits ihre natürlichen Grenzen in einem Land wie Guinea hat. Die nationale Politik geht dem Interesse nach, die Gefahren durch das Virus möglichst zu entkräften und internationale Investoren zurück ins rohstoffreiche Land zu locken. Doch ob die Zahlen Realität sind, daran muss zuallerletzt Zweifel bleiben, das Land ist extrem unzugänglich, Ebolavirusinfektionen könnten bei der enormen Angst in der Bevölkerung unerkannt oder unentdeckt und versteckt bleiben.
Die Übertragung des Ebolavirus bleibt für mich dennoch unwahrscheinlich, solange möglich ist, gewisse Regeln zu befolgen. Das ist die rationelle Seite des in ein Ebolagebiet reisenden Mediziners. Doch gehen mir auch andere Gedanken durch den Kopf, vieles bleibt unberechenbar – und alles andere ist bloße Statistik, die letztlich immer individuelles Schicksal bedeutet.

Schon während des Fluges nach Guinea fällt auf: Es sind kaum internationale Kräfte an Board, viele verlassen das Flugzeug während der Zwischenlandung in Mauretanien. Noch vor zwei Jahren waren die Flüge nach Guinea voll mit überwiegend internationalen Geschäftsleuten. Guinea ist ein globaler Rohstoff-Riese, um dessen Erschließung ein teils schmutziger Wettlauf stattfindet. Auch dies ist ein Erbe der Diktatur, die nach der kolonialen Befreiung 50 Jahre lang das Land regierte. Normalität konnte sich seitdem kaum einstellen. Erst 2010 gab es die ersten demokratischen Wahlen für das Präsidentschaftsamt. Dabei kam es zu massiven politischen Spannungen, die machtgeleitet ethnisiert wurden und sich in Chaos und Gewalt niederschlugen. Es war dann ein schwieriger Weg bis hin zu den ersten demokratischen Parlamentswahlen, sie wurden mehrfach verschoben und fanden schließlich 2013 statt. Seitdem ringen Präsident, Regierung und Parlament mit den Aus- und Nachwirkungen langer diktatorischer, kleptokratischer Herrschaft und um die Zukunft des westafrikanischen Landes, für so etwas wie Normalität. Und dann kam die Ebola-Epidemie.
Sie spielt, wie das Thema Gesundheit überhaupt, bei der aktuellen Präsidentschaftswahl eine bemerkenswert geringe Rolle.

Die Ankunft am Flughafen Conakry, der Hauptstadt Guineas an der westafrikanischen Atlantikküste, verläuft bei 36 Grad Celsius und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit vor Ende der Regenzeit weitgehend gewohnt, die Landung ist noch gerade vor einem großen Gewitter geschafft. In der Ankunftshalle weist ein etwas derangiert wirkendes Roll-up-Poster darauf hin, dass es Ebola „wirklich“ gibt und was zum Schutz vor einer Infektion zu tun ist: „Ebola is real“. Es folgen schrille Durchsagen, die auf Französisch auf Ebola hinweisen.
Nach der Passkontrolle, die unerwartet unkompliziert und schnell wie nie verlauft, wartet das große Gedränge vor den Gepäckbändern – genau hier spüre ich das erste Mal ein Gefühl von Unsicherheit in mir aufsteigen. Denn wie soll ich sich in diesem Gedränge ernsthaft vor einer Infektion wie Ebola schützen? Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf, die sich erst im Laufe einiger Stunden zerstreuen.

Ein Kollege, mit dem ich am Flughafen verabredet bin, begrüßt mich nach einigem Suchen mit einem vorsichtigen Faustschlag – die sonst sehr körperliche und ausgedehnt zelebrierte Begrüßung findet seit Ebola ohne Handschlag und Näherkommen statt. Anschließend werden die Hände desinfiziert.
Überall gibt es Desinfektionsmittel, Gels, verdünntes Chlor, verdünnten Alkohol. Da vieles selbst gemischt und die Mittel knapp sind, ist ihre Wirksamkeit fraglich, vielmehr gibt die Prozedur ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Ebenso ist das Fiebermessen vorm Betreten jedes offiziellen Gebäudes einzuschätzen. Einzig die zahllosen Körpertemperaturkontrollen sowie die Erfassung persönlicher Daten auf dem Rückflug nach Europa sind konsequent und wirksam organisiert.

Die Fahrt von Conakry in die etwa 600 Kilometer entlegene Projektregion Guéckédou im südwest-guineischen Wald beginnt früh am Morgen nach der Ankunft.
Die Straßen sollen teils ausgebessert worden sein, aus der Hauptstadt führen schon seit etwa einem Jahr Straßen, die durch ein chinesisches Infrastrukturprogramm entstanden sind. Durch viel Verkehr, insbesondere überladenen und eigentlich nicht mehr fahrtüchtige, gefährlich beladene LKW ist ein Fortkommen mühsam. Unterwegs durchfahren wir eine gigantische Baustelle von etwa 50 Kilometern Länge: Nach dem zeitweisen Einfrieren von Entwicklungsgeldern und internationalen -programmen, bis zu demokratischen Parlamentswahlen, beginnt hier ein Straßenbauprojekt der Europäischen Union, der gewaltige Bäume, Menschen mit ihren Häusern und erst kürzlich installierte Solar-Straßenleuchten weichen müssen.
Nach mehr als zwölf Stunden Autofahrt sind die letzten 100 Kilometer mühsam: Die Regenzeit hat die Piste in eine schwer befahrbare Aneinanderreihung  von teils mehr als einem Meter tiefen Löchern und immer wieder gestrandeten Fahrzeugen zu beiden Seiten verwandelt, so dass die Fahrt erst nach 15 Stunden und in tiefer Dunkelheit in Guéckédou endet.

Am nächsten Tag stehe ich mitten in einem Ebola-Behandlungszentrum. Es war das erste Zentrum dieser Art in Westafrika, die Bilder, die hier aufgenommen wurden, gingen mit den ersten Nachrichten über die Epidemie um die Welt. Jeder kennt sie: Menschen, völlig vermummt in gelben Anzügen, mit Mundschutz, mit Brille, mit Gummistiefeln. Viele Hundert Verdachts- und Infektionsfälle wurden hier versorgt. Menschen fanden hier innerhalb von Stunden den Tod. Andere konnten das Zentrum lebend verlassen, stigmatisiert und mit noch ungewissen gesundheitlichen Folgen wie wir heute wissen. – Jetzt stehe ich an diesem Ort, bin tief bewegt. Um mich herum ist es still. Niemand ist da. Alle internationalen Organisationen – bis auf die Weltgesundheitsorganisation – haben die Region verlassen, um der nächsten Krise nachzueilen – Hilfe ist auch ein Geschäft. Auch die Menschen in Guéckédou meiden nun diesen Ort. Es sind damit viele tragische Erinnerungen verbunden. Und Ängste. 

 

« Tu n’as pas peur? » Die Frage, ob ich Angst habe, ist mir bislang nie so häufig wie während dieser Reise begegnet. – „Habt ihr denn keine Angst?“, lautete oft meine vorsichtig beantwortende Gegenfrage. Denn ich selbst konnte eine gewisse Lässigkeit beobachten, bei vielen Begegnungen, auch bei mir selbst. Und dennoch ist sie natürlich da, die Angst, dass etwas passiert. Sie lässt sich nicht mit Argumenten, Wissen und Vorsicht einfangen, nie vollständig, allenfalls beruhigen. Gewiss lässt sie sich verdrängen, die Angst. Und wer die vergangenen 18 Monate täglich mit der Angst vor der Realität der Ebola-Epidemie leben musste und dann im Tiefsten ehrlich ist bei der Antwort auf die häufige Frage nach der Angst dieser Tage, dem ist sie anzusehen, dem steht die Angst, der Schrecken und die Unfassbarkeit des Elends ins Gesicht geschrieben: „Wir haben den Tod gesehen“. So beantwortet mir ein Kollege die Frage nach der Angst. Und er sagt damit viel.  Jeden Tag hat er Menschen von dem Fenster seines Büros aus sterben sehen, manche hat er in den Tod begleitet, die ersten Tage der Epidemie gezählt, bis er die vorläufige Sicherheit hatte, nicht auch selbst infiziert zu sein. Er arbeitet bei der lokalen Gesundheitsbehörde, auf diesem Gelände wurde das Behandlungszentrum einst errichtet. Tag um Tag kam er in sein Büro, um gegen die Epidemie zu kämpfen. Und vor seinem Fenster ereignete sich das Unfassbare.

Einige sagen mir nun: „Ebola ist vorbei“.
Es gibt aktuell zwei bis drei neue, offiziell gezählte Infektionsfälle wöchentlich in Guinea. Noch ist das Leben auf den Straßen und Märkten weniger lebendig als vor Ebola. Doch während des Präsidentschaftswahlkampfes finden allerorten Kampagnen und Wahl-Partys statt, insbesondere auch in der Hauptstadt, wo noch mehr als 2.000 Menschen unter medizinischer Beobachtung stehen, weil sie Kontakt zu einem „Infektionsfall“ hatten. Und immer wieder verschwinden Menschen während der Bobachtungsphase von 21 Tagen – der bislang bekannten maximalen Zeit, bis eine Ebolavirus-Infektion symptomatisch ausbricht und sich von Mensch zu Mensch übertragen kann. Diese Mischung aus Angst und Nachlässigkeit wirkt gegensätzlich. Verdrängung könnte dieses Paradox erklären.
Es ist gewiss, dass Ebola nicht „vorbei“ sein wird. Das Virus ist nun in Westafrika angekommen – und es wird dort bleiben. Niemand weiß mit letzter Sicherheit, wo. Flughunde sind bislang bekannte Wirte des Ebolavirus. Es ist somit nur eine tragische Frage der Zeit, bis das Virus sich wieder auf einen Menschen – oder von Mensch zu Mensch – überträgt.
Vermutlich wird es nicht zum Ausmaß einer Epidemie kommen oder diese zumindest nicht das jetzt erlebte Ausmaß erreichen. Alle, die im letzten Jahr viel zu spät, viel zu zögerlich reagierten, haben dazugelernt.
Doch etwas stimmt wenig hoffnungsvoll: Das öffentliche Gesundheitswesen in Guinea liegt vollends am Boden, das Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Institutionen und internationale Hilfe ist nicht weniger erschüttert. Gäbe es eine erneute Epidemie, würde sie hier auf wenig Widerstand stoßen, überhaupt wird eine Epidemie durch das zugrunde liegende Gesundheitswesen erst wahrscheinlich. Nur eine funktionierende Gesundheitsversorgung in öffentlicher Hand könnte einer Epidemie und endemischen Erkrankungen wie Malaria in Wahrheit entgegenstehen. Hierin verborgen liegt nichts Geringeres als die Frage globaler Gerechtigkeit! Die staatliche Schwäche des guineischen Staates, die im Gesundheitswesen lediglich offenbar wird, hat nämlich strukturelle Gründe, die sich nur im globalen Kontext zu erklären, zu verstehen und zu ändern sind.
Die Realität in Westafrika liefert eine weitere Gewissheit: Die Erschütterungen der Ebola-Epidemie bedeuten täglich und insgesamt mehr Opfer als durch das Ebolavirus selbst verursacht! Denn diejenigen, die Ebola überlebt haben, sind gezeichnet: Eine überstandene Ebolavirusinfektion hinterlässt gesundheitliche Schäden, viele haben Angehörige verloren und führen nun ein Leben mit Stigma und in gesellschaftlicher Isolation. Und wer zum Beispiel mit Malaria infiziert ist, wer Durchfall hat, wer schwanger ist, geht nicht mehr in ein Gesundheitszentrum. Aus Angst vor Ebola, aus mangelndem Vertrauen in staatliche Institutionen. Wer krank ist, greift nun wieder auf traditionelle Heilmethoden zurück, die Hilfe anbieten, aber ebenso Gefahr sein zu können. Oder man lässt sich gar nicht behandeln. Eltern verbieten nun sogar ihren Kindern, an medizinischen Untersuchungen und Behandlungen in der Schule teilzunehmen! Sie sagen, sie dürfen in der Schule keine Medikamente entgegen- oder einnehmen! Aus Angst vor Ebola.
Den Menschen in Guinea steht eine schwierige Zeit bevor. Sie brauchen daher Solidarität und Hilfe, mehr denn je!
Ebola gab national wie international den Ton an. Dabei stehen etwa 3.000 Ebola-Todesopfern gleichzeitig mehr als 10.000 zusätzliche Malariainfektionen mit tödlichem Ausgang gegenüber – da sie nicht behandelt werden! Die Grenzen des Systems sind schnell erreicht – und sie sind enger geworden. 

Die Projekte können durch private Spenden sowie Förderung durch BMZ, ADH, DPWV und NAK Süddeutschland realisiert werden.