Berichte

Ein Tag in der Kinderambulanz in Kikwit

Lena Buhl leitet seit einigen Monaten unsere Kinderambulanz in der Demokratischen Republik Kongo. Zuvor war sie bereits für ein halbes Jahr als Praktikantin mit Doris Broadbent vor Ort. Wie ein Tag als Projektleiterin im Kongo aussieht, erzählt sie hier.

Es ist ein ganz normaler Montagmorgen im Hopital General in Kikwit. Pünktlich um 8 Uhr kommen wir an der Ambulanz des Hammer Forums an und werden von einigen Müttern schon fröhlich mit „Bonjour“ oder „Mbote“ begrüßt, je nachdem, ob man uns auf Französisch oder Kikongo einen guten Tag wünscht.
Auch Mama Colette, eine der drei Krankenschwestern im Hammer Forum, ist bereits da. Wir schließen die Ambulanz auf und beginnen mit der Versorgung der ersten Milchkinder. Das sind mangelernährte Kinder, die in der Milchküche der Ambulanz täglich eine Tasse Milch zu trinken bekommen, um Wachstum und Entwicklung zu unterstützen. Die Kinder benötigen besonders das Eiweiß, das in der Milch vorhanden ist, aber in der regulären Ernährung fehlt, denn diese besteht meist nur aus Fufu und Saka Saka, das ist Maniokwurzelbrei mit Maniokblättern – das macht zwar satt, enthält aber kaum lebenswichtige Nährstoffe.
Irgendwann im Laufe des Vormittags trudeln auch die anderen beiden Krankenschwestern und der untersuchende Arzt ein. Mit der Zuverlässigkeit und der Pünktlichkeit der Leute ist es hier oft ganz anders als in Deutschland, das mussten wir erst einmal lernen und einen guten Weg finden zwischen Frustration über die mangelnde Zuverlässigkeit und Disziplin einerseits und unseren (zu) hohen Ansprüchen andererseits. Solange die Arbeit gemacht wird und jeder mit anpackt, drücken wir ein Auge zu, manchmal sind aber auch ernsthafte Ermahnungen notwendig.
Ernste Gespräche führen wir oft auch mit Eltern, die nicht verstehen können, wieso wir ihrem Kind nicht alle Medikamente geben, die der Arzt verschrieben hat. Die Kinder erhalten die Medikamente im Hammer Forum kostenlos, jedoch nur solche, die tatsächlich notwendig und erfolgsversprechend sind. Leider werden von den untersuchenden Ärzten oftmals Unmengen an Medikamenten verschrieben, die teils sinnvoll, teils einfach unnütz oder gar kontraindiziert sind. Aufklärung der Eltern hierüber und auch über Grundsätze gesunder Ernährung machen einen großen Teil unserer Arbeit aus.

Gegen Mittag kommt der kleine Plamedi mit seiner Großmutter, er ist 18 Monate alt und bekommt schon seit mehreren Monaten Milch. Seine Eltern leben nicht mehr, die Großmutter kümmert sich um den Jungen, aber sie ist – wie so viele der Menschen hier – sehr arm. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, sammelt sie auf dem Markt heruntergefallene Erdnüsse auf und verkauft sie weiter.
Eine halbe Tasse Milch trinkt Plamedi direkt, die andere Hälfte wird in eine Flasche gefüllt, die er uns immer persönlich bringt. Es ist ein schöner Anblick, wie der Kleine mit der Flasche auf uns zukommt und sie uns ganz erwartungsvoll entgegenstreckt. Wir füllen sie mit Milch und er nimmt sie freudestrahlend wieder an sich. Solche Momente lassen uns kurz vergessen, wie viele Dinge in diesem Land nicht funktionieren.
Viele der Eltern mit mangelernährten Kindern tauchen nicht so regelmäßig auf wie Plamedi und seine Großmutter. Allen Gesprächen und Hinweisen auf die Gefahren der Mangelernährung zum Trotz kommen sie dennoch nur unregelmäßig mit ihren Kindern vorbei. Ihnen ist der Weg zu weit oder sie haben den Ernst der Situation einfach nicht verstanden.

Einige der im Wartebereich sitzenden Leute sind Geflüchtete. Aufgrund der katastrophalen Lage in der Provinz Kasai, die etwa 300 km von Kikwit entfernt liegt, kommen sie hier in die Region. Sie sind vor der andauernden Gewalt und vor der mangelnden Versorgung hierher und in viele andere Teile des Landes geflohen, man schätzt die Gesamtzahl der Binnenflüchtlinge innerhalb des Kongo inzwischen auf über 3 Millionen. Im Hopital General in Kikwit werden die kranken und verletzten Geflüchteten versorgt, unsere Aufgaben sind auch hier wiederum das Aufspüren und Versorgen von mangelernährten und kranken Kindern und die Organisation der Unterbringung von Waisenkindern.

Vor einer Weile gab es einen großen Busunfall mit vielen Toten und Verletzten, der Bus war in erster Linie mit Geflüchteten besetzt, man lieferte alle Verletzten ins Hopital General ein, wir haben dann mit Medikamenten, Verbandmaterial und praktischer Arbeitskraft ausgeholfen – da zu dieser Zeit im Krankenhaus noch gestreikt wurde, waren wir insgesamt nur zu fünft. Dennoch lief die Organisation und die Arbeit an diesem Sonntag durch die funktionierende Zusammenarbeit zwischen dem Krankenhaus und dem Hammer Forum sehr gut. Alle Verletzten konnten gut versorgt und zwei Tage später zur Weiterbehandlung nach Kinshasa transportiert werden
Solche Situationen zeigen uns, wie wichtig und notwendig es ist, auch über die reguläre Arbeit hinaus vor Ort zu sein, um dann in solchen Krisen mit Material und Arbeitskraft unterstützen und helfen zu können.

 

von Anja-Magdalena Buhl